AUS DER CHRONIK

Amina – Wer bin ich und wie alles begann

  • Das Kind des Dschungels – Die Kivuli

Niemand wusste, woher das kleine Mädchen gekommen war. Die Kivuli fanden es tief im Inneren des Schendi-Dschungels, fernab der bekannten Wege und Ansiedlungen. Es lag zwischen den gewaltigen Wurzeln eines alten Baumes, notdürftig in ein Stück Stoff gehüllt. Kein Name war bei ihm hinterlassen worden, kein Zeichen verriet seine Herkunft. Es gab weder eine Botschaft noch ein sichtbares Merkmal, das erkennen ließ, wer seine Eltern gewesen waren oder weshalb man es an diesem gefährlichen Ort zurückgelassen hatte.

Dass das Kind noch lebte, grenzte an ein Wunder.

Die Kivuli waren ein kleiner Taluna-Stamm, der abgeschieden im dichten Grün des Dschungels lebte. Fremde sahen in ihnen Gesetzlose und gefährliche Frauen, die sich der Herrschaft der Männer und den Ordnungen der Städte entzogen hatten. Für das ausgesetzte Mädchen aber wurden sie etwas vollkommen anderes: ihre Mütter, ihre Schwestern, ihre Lehrerinnen und ihre Beschützerinnen. Sie gaben ihr den Namen Amina und nahmen sie in ihre Gemeinschaft auf. Unter den Kivuli wuchs sie nicht als geduldete Fremde aufm sondern als eine der Ihren. Sie lernte, die Sprache des Dschungels zu verstehen: das Rascheln im Unterholz, den Warnruf eines Vogels, die Spuren im feuchten Boden und die plötzliche Stille, die vor einer Gefahr warnte. Die Frauen zeigten ihr, welche Pflanzen nährten und welche heilten, wo sich das Wasser finden ließ und wie man sich bewegte, ohne unnötige Spuren zu hinterlassen.

Doch sie lehrten sie nicht allein das Überleben.

Von ihnen lernte Amina, aufmerksam zuzuhören, bevor sie handelte. Sie lernte, dass jedes Mitglied einer Gemeinschaft Verantwortung für die anderen trug und dass Vertrauen nicht durch Worte entstand, sondern durch Verlässlichkeit. Niemand wurde zurückgelassen, solange noch Hoffnung bestand. Wer unter dem Schutz der Kivuli stand, wurde verteidigt. Diese Lehren prägten Amina tiefer, als sie damals ahnen konnte. Schon als Kind unterschied sie sich in mancher Hinsicht von den anderen jungen Frauen des Stammes. Während manche von ihnen ihre Geschicklichkeit mit Bogen, Speer und Messer bewiesen, beobachtete Amina häufig die Älteren. Sie merkte sich ihre Erzählungen, ihre Absprachen und selbst beiläufig gesprochene Worte. Streitigkeiten versucht sie nicht mit Lautstärke zu lösen. Sie hörte zu, verglich das Gesagte und suchte nach den Zusammenhängen. Noch kannte sie weder Pergament noch Feder. Dennoch begann sich bereits jene Eigenschaft zu zeigen, die sie eines Tages zu einer Scriba machen sollte: Amina wollte nicht nur wissen, was geschehen war. Sie wollte verstehen, warum es geschehen war – und sie wollte verhindern, dass Wichtiges vergessen wurde. Ihre Herkunft blieb während all dieser Jahre ein Geheimnis. Die Kivuli wussten nicht, wer sie in den Dschungel gebracht hatte. Auch Amin selbst besaß keine Erinnerungen an ein Leben vor dem Stamm. Die Frauen, die sie gefunden hatten, waren die einzige Familie, die sie kannte. Für Amina war der Dschungel ihre Heimat. Noch ahnt sie nicht, dass jenseits seines dichten grünen Schutzes eine andere Welt auf sie wartete – eine Welt aus Städten, Kasten, Gesetzen und geschriebenen Worten. Ebenso wenig wusste sie, dass die Frage nach ihrer Herkunft eines Tages zurückkehren und sie dazu zwingen würde, den einzigen Ort zu verlassen, an dem sie sich jemals zugehörig gefühlt hatte.

  • Unter fremden Gewändern

Die Kivuli lebten abgeschieden, doch selbst sie konnten nicht alles, was sie zum Leben benötigten, im Dschungel finden oder selbst herstellen. Salz war kostbar. Auch irdene Gefäße, Metallklingen, Nadeln, Töpfe und andere Dinge des täglichen Lebens mussten bisweilen von außerhalb beschafft werden. Zu diesem Zweck verließen einige ausgewählte Frauen in unregelmäßigen Abständen das Gebiet des Stammes und zogen zu einer der nächstgelegen Städte. Sie ging jedoch niemals offen als Talunas. Noch bevor sie die bewachten Wege erreichten, legten sie ihre Fellkleidung ab und verbargen Bögen, Speere und auffällige Waffen in einem sorgfältig getarnten Lager. Stattdessen kleideten sie sich wie einfache freie Frauen vom Land. Zuweilen gaben sie sich als Bäuerinnen aus, ein anderes Mal als Gerberinnen, die ihre Waren auf dem Markt feilboten. Ihre Hände waren von Arbeit gezeichnet, ihre Haut von der Sonne gebräunt, und die mitgebrachten Felle und Lederarbeiten machten ihre vorgetäuschte Herkunft glaubhaft.

Amina durfte diese Frauen schon früh begleiten.

Anfangs trug sie lediglich kleinere Bündel und hatte die Anweisung, nah bei ihren Schwestern zu bleiben. Sie durfte Fremden gegenüber nichts über den Stamm, dessen Lager oder den Weg durch den Dschungel verraten. Auch den Namen Kivuli sprach keine von ihnen innerhalb der Stadtmauern aus.